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Sommer im Grazer Kunstverein
14. Juni – 1. August 2019

My Summer is your Winter
Eine Gruppenausstellung und Performance-Saison mit Werken von Fahim Amir, Simnikiwe Buhlungu, Laurie Charles, Chris Evans & Morten Norbye Halvorsen, Dora García, Veronika Hauer, Krõõt Juurak & Alex Bailey und Fiston Mwanza Mujila.


Installation view of My Summer is your Winter at Grazer Kunstverein, 2019. Photography by Christine Winkler.

Liebe Elizabeth,

Du existiert nicht, zumindest nicht in der materiellen Welt, Du bist nicht aus Fleisch und Blut, warst es nie, soweit ich weiß. Und doch ist deine Stimme für mich real. Seit ich J. M. Coetzees Das Leben der Tiere zum ersten Mal gelesen habe, gehst Du mir nicht aus dem Sinn. Deine festen Überzeugungen und Deine unbändige Willenskraft, Dein kompromissloser Geist, die Großzügigkeit Deiner Gedanken und Dein einsamer Kampf um die Möglichkeit, diese Gedanken zu äußern, lange, bevor sie populär waren, hat Gefühle in mir geweckt – nicht nur für das Leben der Tiere, die Du verteidigst, sondern auch für Dich, eine fiktive Figur, das Fantasiegebilde eines Menschen.

Ich schreibe Dir von meinem Schreibtisch im Grazer Kunstverein, einer Institution für zeitgenössische Kunst in Österreich. Im Juni werden wir eine neue Ausstellung mit dem Titel My Summer is your Winter eröffnen, die Dir gewidmet ist. Die Ausstellung findet an Schwellen statt. Von Eingängen, Passagen, Türrahmen. Bereichen, Registern, Geisteshaltungen. Raumtextilien von Laurie Charles, von Tieren geleitete Workshops von Krõõt Juurak und Alex Bailey, altertümliche Telekommunikation von Simnikiwe Buhlungu, Körper in einer Bibliothek in einem Film von Dora García, eine Gruppierung frei hängender Porträts von Veronika Hauer, interruptive Poesie von Fiston Mwanza Mujila, Klangwellen an Türschwellen von Chris Evans und Morten Norbye Halvorsen sowie ein aufrüttelndes Manifest von Fahim Amir – diese Ausstellung thematisiert anhand unterschiedlicher Exponate und Präsentationen Fiktion als Methode oder Instrument, um zu verstehen, wie es ist, ein anderer (menschlich oder nicht menschlich, real oder imaginär) zu sein. Um die Möglichkeiten der Fiktion (damit meine ich auch Kunst) auszuloten, um Empathie für das Unbekannte zu erwecken und Bewusstseinsformen, die über die eigene hinausweisen, zu erforschen.

Du bist nicht real, von der Art wie die Lebenden es sind, Elizabeth, und es ist davon auszugehen, dass dieser Brief nicht beantwortet wird. Dennoch stelle ich mir manchmal Gespräche vor, die wir miteinander führen. Über Bewusstsein und die Vögel und andere Tiere auf Erden, über Veränderungen, die sich in der Welt der Wissenschaft und Bildung vollzogen, seit Du 1999 erstmals in Coetzees Bücher eingetaucht bist. Dein Bewusstsein für Subjektivität in jeder Argumentation beflügelt mich. Ich bewundere zutiefst Deine Entschlossenheit, Deine Wahrheit in einer Welt, die die Ohren verschließt, auszusprechen, auf Deine Privilegien zu verzichten und die Möglichkeiten deiner Bühne wahrzunehmen, um etwas gutzumachen. Ich höre Deine Stimme in einem harmonischen Chor mit anderen, die derzeit das didaktische, autoritäre, starrsinnige, patriarchalische Klammern an die Vorstellung von „Objektivität“, die einst die Welt erklärte, hinter sich lassen. Es hat den Anschein, als ob solche Stimmen mit einem ausgeprägteren Sinn für Nuancen, Affekte, dem Körper gleichsam eingeschriebenes Wissen, Bewusstsein für nicht humane Subjektivitäten und einer Vorliebe für das Unbekannte lauter würden. Auf gewisse Weise hast Du, Elizabeth, mir die Ohren dafür geöffnet.

Von Österreich nach Australien – wo ich Dich in meiner Vorstellung nach wie vor sehe, wie Du unaufhörlich darum ringst, Deine Prinzipien zu vertreten, auch wenn das Leben Dich erschöpft und die Menschen Dich herabwürdigen – ich schreibe Dir, um Dir zu danken. Wir mögen in verschiedenen Welten leben, in denen Deine Realität meine Fiktion und mein Sommer Dein Winter ist, doch mit einem kleinen Vertrauensvorschuss, den ich für unser Überleben im Übrigen für unabdingbar erachte, kann Deine Kraft spürbar werden. Wir fühlen uns geehrt, Dir diese Ausstellung widmen zu können.

Mit lieben Grüßen,
Kate Strain


Chris Evans and Morten Norbye Halvorsen, Jingles (Grazer Kunstverein, spring, summer, autumn, winter), 2017–2020. Photography by Christine Winkler.

Chris Evans mit Morten Norbye Halvorsen
Jingles (Grazer Kunstverein, spring, summer, autumn, winter) wurde von Chris Evans als eine Reihe kurzer musikalischer Kompositionen – mit einer Dauer zwischen 0,74 und 28 Sekunden – konzipiert, die beim Betreten und Verlassen der Räume durch einen Sensor aktiviert werden, um das Kommen und Gehen der BesucherInnen im Grazer Kunstverein in zunehmender Verdichtung zu verkünden und zu übertragen. Evans lud den Künstler und Musiker Morten Norbye Halvorsen zur Mitarbeit an Kompositionen mit Bezug auf das saisonal organisierte künstlerische Programm des Grazer Kunstvereins ein und bat ihn, für die sechs Eingangstüren der Institution Klangsequenzen zu kreieren.


Chris Evans and Morten Norbye Halvorsen, Jingles (Grazer Kunstverein, spring, summer, autumn, winter), 2017–2020. Photography by Christine Winkler.

Die Jingles, die ursprünglich von Bassmelodien inspiriert wurden, wie sie für die szenische Übergänge ankündigenden Intermezzos amerikanischer Sitcoms verwendet werden, bestehen aus perkussiven Sounds rund um Evans’ Basslinien. In uneditierten Aufnahmen oder bearbeiteten Versionen wurden Techniken wie Scraping, Bottleneck-Slides und E-Bow perkussiv eingesetzt und dann mit synthetisierten Klängen unterlegt. Im Frühling sind eine Shepard-Skala, Sinuswellen und eine modale Synthese zu hören, im Sommer ertönen Feldaufnahmen. Filter-Hüllkurven, Klangholz, Rohre und Resampling bringen den Herbst akustisch näher und in der letzten Jahreszeit – im Winter – reproduziert weißes Rauschen Windgeräusche, während ein auf der Bassgitarre verwendeter E-Bow das Röhren von Rotwild imitiert.


Chris Evans and Morten Norbye Halvorsen, Jingles (Grazer Kunstverein, spring, summer, autumn, winter), 2017–2020. Photography by Christine Winkler.

Seit der Erstbeauftragung von Jingle durch den Grazer Kunstverein hat sich die Arbeit zu einer Reihe entwickelt, bei der sich Chris Evans zuerst erkundigt, ob der Veranstalter wohl bestallt ist. Wenn ja, wird ein Bauer – wenn nicht vorhanden, ein Buchhalter – gebeten, eine unspezifische perkussive Phrase nachzuahmen, woraufhin eine aus dem Fernsehen bekannte Basslinie hinzugefügt wird. Jingle wurde für eine Reihe von Institutionen wie etwa Hong Gai Museum, Taipei (2019), SALT Galata, Istanbul (2018), Kunsthalle Oslo (2018), Centre Art Neuchâtel, Schweiz (2018), und Para Site, Hongkong (2017), produziert.


Chris Evans and Morten Norbye Halvorsen, Jingles (Grazer Kunstverein, spring, summer, autumn, winter), 2017–2020. Photography by Christine Winkler.

Alle vier jahreszeitlichen Kompositionen werden im Sommer 2019 als 12”-Vinyl-LP im Grazer Kunstverein herausgebracht. Die A-Seite enthält eine Aufnahme der Jahreszeiten-Jingles, für die B-Seite wurden die Kompositionen von Norbye Halvorsen bearbeitet. Diese beginnt mit einer Vocoder-ähnlichen Basslinie, es folgen mit einer E-Bow gespielte Bassklänge, die das Röhren von Rotwild imitieren und als Lead-Synth der Aufnahme fungieren. Wir hören eine KI-Rauschunterdrückung, Lagerfeuer-Banjogeklimper und ein Klangholz, gefolgt von einem echten Rotwildröhren, das auf der Kurischen Nehrung an der Ostseeküste aufgenommen wurde und die Frühjahrssaison repräsentiert.


Chris Evans and Morten Norbye Halvorsen, Jingles (Grazer Kunstverein, spring, summer, autumn, winter), 2017–2020. Photography by Christine Winkler.

Die Schallplatte wird in einer Auflage von 180 signierten Exemplaren herausgebracht, für die Evans eine Serie von Siebdruck-Covers entwarf.

Die Aufnahme wurde von der John Moores University unterstützt. Dieses Projekt wurde durch die großzügige Förderung von legero united – the shoemakers and their initiative www.con-tempus.eu produziert.


Chris Evans and Morten Norbye Halvorsen, Jingles (Grazer Kunstverein, spring, summer, autumn, winter), 2017–2020. Photography by Christine Winkler.

Chris Evans ist ein in Brüssel lebender Künstler, dessen Arbeit sich häufig aus Gesprächen mit Menschen aus verschiedenen Lebensbereichen entwickelt, die er aufgrund ihrer Position im öffentlichen Leben oder ihrer Symbolwirkung ausgewählt hat. Skulpturen, Briefe, Zeichnungen, Drehbücher und daraus resultierende sperrige sozialen Situationen verweisen auf eine größere Struktur, innerhalb derer Evans bewusst die Rollen von Künstler und Mäzen, Autor und Muse vermischt. Seit 2000 werden seine Arbeiten international gezeigt, darunter finden sich zahlreiche Einzelausstellungen: C.A.N. Centre d’Art Neuchatel (2018), Praxis, Berlin (2015), Project Arts Centre, Dublin (2014), Marres, Maastricht (2010); Objectif Exhibitions, Antwerpen (2010), the British School in Rom (2008) und Art Pace, San Antonio (2007). Auf Teilnahmen an der 6. British Art Show (2005) und der East International (2006) folgten Einladungen zu mehreren Kunstbiennalen: Athen Biennale (2007), Taipei Biennale (2010) und Liverpool Biennale (2014). 2016 wurde er mit dem Bryan Robertson Trust Award ausgezeichnet.

Morten Norbye Halvorsen ist Künstler und Komponist und lebt in Berlin und Stavanger. Mit seinen Arbeiten war Halvorsen bislang in zahlreichen Gruppen- und Einzelausstellungen präsent, darunter: 9. Norwegische Skulpturen Biennale, Vigeland Museum, Oslo (2017), Wave Table Concert, Kunsthalle Stavanger (2016), Gain Vapor Rise, Gaudel de Stampa, Paris (2016), All the Instruments Agree, Hammer Museum, Los Angeles (2015), The Companion, Liverpool Biennale, (2014), Pan Exciter, NoPlace, Oslo, Alluvium, Objectif Exhibitions, Antwerpen, oO, Litauischer/Zypriotischer Pavillion, 55. Venedig Biennale (2013), Run, comrade, the old world is behind you, Kunsthalle Oslo (2011), Repetition Island, Centre Pompidou, Paris (2010) und Paper Exhibition, Artist Space, New York (2009).


Simnikiwe Buhlungu, A Loooooong Ass Message, Ya Dig? (Refax), 2019, shown as part of My Summer is your Winter, Grazer Kunstverein, 2019. Photography by Christine Winkler.

Simnikiwe Buhlungu sorgt mit einer Reihe von Faxnachrichten, die die alltäglichen Aktivitäten der Institution unterbrechen, buchstäblich und bildlich für eine Störung im Foyer des Grazer Kunstvereins. Mit dieser einseitigen Nachrichtenübertragung in physischer Abwesenheit der Künstlerin soll eine Diskussion weitergeführt werden, die in früheren Versionen dieser Arbeit begonnen wurde. Durch gut recherchierte sporadische textuelle Interventionen versuchte die Künstlerin, fehlende Narrative und übersehene Geschichten in bestehende Ausstellungsprogramme einzubringen.


Simnikiwe Buhlungu, A Loooooong Ass Message, Ya Dig? (Refax), 2019, shown as part of My Summer is your Winter, Grazer Kunstverein, 2019. Photography by Christine Winkler.

Diese Wiederholung des Projekts (Refax), die Selbsthistorisierung, Selbstbestimmung und Selbstschreibung als Formen der Wissensproduktion in den Fokus rückt, geht von Überlegungen zur institutionellen Kritik und zu evidenten Auslassungen auf den Namenslisten vieler zeitgenössischer Galerien aus, die Buhlungu in ihrer Heimatstadt und weit darüber hinaus wahrgenommen hat. Die Inkongruenz der Faxsendungen (gegenüber anderen Formen „digitaler“ Nachrichtenübermittlung), die in gedruckter Form greifbar sind und in Echtzeit erfolgen, erzwingt eine Auseinandersetzung mit diesen Narrativen. Die Faxe – die sowohl Bild als auch Text beinhalten – beschäftigen sich mit Sprache, stellen die Frage, wie wir „Text/Bild“ verstehen und wer der Verfasser ist. Wird der Text übersetzt, wenn er in einen anderen geografischen und klimatischen Kontext gestellt wird? Welches unendliche andere Wissen und welche Möglichkeiten gibt es in Johan¬nesburg/Südafrika/im Globalen Süden, die andere Denkweisen anderswo auslösen können? Der Kunstverein ermöglicht die Weiterführung dieser Diskussion.


Simnikiwe Buhlungu, A Loooooong Ass Message, Ya Dig? (Refax), 2019, shown as part of My Summer is your Winter, Grazer Kunstverein, 2019. Photography by Christine Winkler.

Simnikiwe Buhlungu wurde 1995 geboren, ein Jahr nach dem Ende der Apartheid in Südafrika. Die Künstlerin studierte an der Witwatersrand-Universität in Johannesburg, wo sie auch ihren Lebensmittelpunkt hat. Sie arbeitet print- und textbasiert und wählt oft installative Formen für ihre Beschäftigung mit persönlichen und soziohistorischen Narrativen. Dabei schafft sie ein komplexes Netz aus [re]imaginierten Auseinandersetzungen, die oftmals um das Thema Wissensproduktion(en) kreisen – ein äußerst komplexes Feld aus [un]geschriebenen, [un]gesprochenen, [un]gehört, [un]sichtbar gemachten Erkenntnissen und Erfahrungen. Ihre künstlerische Praxis lässt sich als Konversationsakt beschreiben, ein Wechselspiel aus Fragestellungen und dem Versuch, Antworten auf die formulierten Ideen zu geben. In Johannesburg war Simnikiwe Buhlungu bislang in zahlreichen Ausstellungen, Projekten und Räumen vertreten, darunter Wits Art Museum, Fourthwall Books, Sosesame Gallery, No End Contemporary Gallery, Assemblage, The Point of Order, NGO (Nothing Gets Organised), Stevenson Gallery, Room Gallery & Projects, Keleketla! Library und the Centre for the Less Good Idea. Jüngste internationale Beteiligungen umfassen etwa eine Residency im belgischen Kunstzentrum WIELS sowie die Teilnahme an der 10. Berlin Biennale.


Laurie Charles, The kidney, 2019, shown as part of My Summer is your Winter, Grazer Kunstverein, 2019. Photography by Christine Winkler.

Die Raumtextilien von Laurie Charles setzen in allen Ausstellungsräumen starke Akzente. Diese Reihe neuer Auftragsarbeiten umfasst großformatige (Makrolinse) Darstellungen von Regionen, die mit bloßem Auge sonst nicht wahrnehmbar sind (Körperzellen, Arterien, Venen und mikrobielle Materialien). Die textilen Zeichnungen fungieren als Schwellen und schaffen Bühnenbereiche in den vielen Räumlichkeiten des Grazer Kunstvereins. Auf cartoonartige, überspitzte und sofort erkennbare Weise setzen sie sich mit Darstellungen vom Inneren des Körpers auseinander. Sie fungieren in Charlesʼ künstlerischer Praxis als Requisiten für einen zu drehenden Film oder eine zu inszenierende Szene und bilden den Hintergrund für unzählige potenzielle Szenarien, die – als aktive Konstituenten eines viel größeren Organismus – in den Mikrobewegungen des Körperinneren verborgen sind – wie wir in den Innenräumen des Gebäudes.

Dieses Projekt wurde durch die großzügige Unterstützung von legero united – the shoemakers und deren Initiative www.con-tempus.eu ermöglicht.


Laurie Charles, The kidney, 2019, shown as part of My Summer is your Winter, Grazer Kunstverein, 2019. Photography by Christine Winkler.

Laurie Charles lebt und arbeitet in Brüssel und studierte an der Akademie der Schönen Künste in Bordeaux. Erzählungen sind ein zentrales Element ihrer künstlerischen Praxis: In ihren Videos verwebt Charles Folklore, Geschichts- und Geisteswissenschaften und in ihren Texten und Malereien arbeitet sie mit spekulativen Narrativen. Mit ihren Arbeiten ist sie international vertreten: CIAP Kunstverein Hasselt), 1646 – project space for contemporary art, Den Haag, Nanjing International Art Festival, Beursschouwburg, Brüssel, Komplot, Brüssel, und Le Commissariat, Paris. Charles ist Gastlehrende im Masterstudiengang Editorial Practice an der Brüsseler Royal Academy of Art.


Krõõt Juurak and Alex Bailey, Animal Workshops, 2019, held as part of My Summer is your Winter, Grazer Kunstverein, 2019. Photography by Thomas Raggam.

Die Künstler Krõõt Juurak und Alex Bailey haben für My Summer is your Winter eine Reihe von Workshops konzipiert, die von Tieren mit besonderen Fähigkeiten geleitet werden. Die TeilnehmerInnen führen während des einstündigen Workshops eine Reihe von Übungen durch, die von den Workshopleitern vorgezeigt werden. Jeder Workshop geht auf die spezifischen Talente des „animalischen“ Workshop-Leiters ein, weshalb Dauer, Technik und Leistungsniveau von Fall zu Fall variieren können.


Krõõt Juurak and Alex Bailey, Animal Workshops, 2019, held as part of My Summer is your Winter, Grazer Kunstverein, 2019. Photography by Thomas Raggam.

CALL FOR PETS
Die Künstler Krõõt Juurak & Alex Bailey suchen Haustiere (und deren BesitzerInnen), die bereit sind, an einem künstlerischen Projekt mitzuwirken. Wenn Sie glauben, dass Ihr Haustier über besondere Fähigkeiten verfügt, an denen es Menschen partizipieren lässt, könnte das etwas für Sie sein. Größe, Rasse und Alter des Haustiers sind nicht so wichtig wie die emotionale und intellektuelle Verbindung zwischen Ihnen und dem Tier. Unter besonderen Fähigkeiten ist vielerlei zu verstehen: vom Schlafen in der Öffentlichkeit bis zum Fliegen, vom Finden kleiner Gegenstände auf dem Boden bis zur Konzentration und Aufmerksamkeit, ja auch Widerstandsfähigkeit oder einfach nur eine positive Einstellung sind gefragt!


Krõõt Juurak and Alex Bailey, Animal Workshops, 2019, held as part of My Summer is your Winter, Grazer Kunstverein, 2019. Photography by Thomas Raggam.

Krõõt Juurak und Alex Bailey leben und arbeiten in Wien. Juuraks künstlerische Praxis umfasst Performances, Präsentationen, Texte, Workshops sowie Stimmungswechsel und hinterfragt die Definitionsgrenzen von Choreographie und Performance. Sie absolvierte ArtEz, Arnhem, in Tanz und Choreografie 2003 und erwarb einen Master in Bildender Kunst am Sandberg Institut, Amsterdam. Bailey hat ebenfalls am Sandberg Institute studiert und ein MFA absolviert. Mit der gemeinsamen Arbeit Performances for Pets (2014) sind Juurak und Bailey bei internationalen Tanz- und Kunst-Festivals zu Gast und haben bereits für über 100 Haustiere in europäischen Städten und Wohnungen performt. Bailey hat zudem die Praxis der Humourolgy entwickelt, eine Studie über humoristische kosmische bis komische Kommunikation. Sowohl Performances for Pets als auch Humourology werden von der Galerie International vertreten, einer immateriellen Galerie, die von den beden Künstlern Adriano Wildert Jensen und Simon Asencio betrieben wird und auf immaterielle Kunst spezialisiert ist. Auf Performances for Pets folgten die Arbeit Animal Jokes (for Animals), gezeigt in der Sezession, Wien, beim Festival Xing, Bologna, und im Bonnefanten Museum, Maastricht, sowie Animal Show, gezeigt im WUK Performing Arts, Wien. Ihre jüngste Kollaboration, Codomestication, wurde 2019 in Zusammenarbeit mit ihrem gemeinsamen Sohn Albert im Tanz Quartier Wien uraufgeführt.


Dora García, La Eterna, 2017, shown as part of My Summer is your Winter, Grazer Kunstverein, 2019. Photography by Christine Winkler.

La Eterna von Dora García ist ein von dem namensgebenden Roman des argentinischen Kultautors Macedonio Fernandez inspirierter Sciencefiction-Kurzfilm, in dem eine Gruppe von Personen vor dem Hintergrund einer neugotischen Bibliothek über Wiederholung, Metafiktion, Schauspielkunst und die Arbeit des Psychoanalytikers Oscar Masotta diskutiert. Macedonios erstmals 1967 (15 Jahre nach dem Tod des Autors) publiziertes Werk Das Museum von Eternas Roman (der erste guter Roman) ist insofern ungewöhnlich, als es keinen Beginn zu haben scheint. Prolog folgt auf Prolog, verspricht, dass ein Ende in Sicht ist, bekennt sich aber zu keinem Beginn. Der Leser wird gewissermaßen zum Protagonisten des Textes erklärt, wodurch er selbst zum Akteur wird. Garcias filmisches Werk lädt die BetrachterInnen auf ähnliche Weise ein, unterschiedliche Figurengruppen, die aus Lesenden gebildet sind, zu beobachten. Diese sind sich bewusst unter Beobachtung zu stehen, und erörtern mit gedämpfter Stimme die Möglichkeiten der Schauspielerei und der Wiederholung in einem vorgegebenen Szenario. Das in sich kreisende Werk ist eine Meditation über Fiktion und die Gestaltung von Zugängen zu Denkweisen, Lebensweisen und physischen Orientierungen unter Beobachtung. La Eterna ist Teil des Spielfilms Segunda Vez.


Dora García, La Eterna, 2017. Courtesy of Auguste Orts and the artist.

Dora García lebt und arbeitet in Barcelona und Oslo. Sie unterrichtet derzeit an der Osloer Akademie der Künste und an der Genfer Hochschule für Kunst und Design, HEAD. García ist Co-Direktorin von Les Laboratoires d’Aubervilliers, Paris. Internationale Biennale-Auftritte umfassen: Spanischer Pavillon der 54. Venedig Biennale (2011), Rahmenprogramm der 55. Venedig Biennale (2013), Hauptausstellung der 56. Venedig Biennale (2015), documenta 13 (2012), Skulptur Projekte Münster (2007), Sydney Biennale (2008) und Sao Paulo Biennale (2010). Ihre Arbeit ist weitgehend performativ und beschäftigt sich mit Fragen der Gemeinschaft und Individualität in der heutigen Gesellschaft. Dabei untersucht sie das politische Potenzial von Randpositionen mit einem besonderen Fokus auf exzentrische Charaktere und Antihelden. Letztere stehen oft im Mittelpunkt von Filmprojekten wie The Deviant Majority (2010) und The Joycean Society (2013).


Veronika Hauer, It’s not visual – it’s kinetic, 2019, shown as part of My Summer is your Winter, Grazer Kunstverein, 2019. Photography by Christine Winkler.

Veronika Hauers beidseitig ausgeführte Affenporträts hängen an Seilen von der Decke wie Tiere in einem Käfig. Sie ist fröhlich und tragisch, diese zur Präsentation versammelte Truppe von Tieren, die an über die Bühne schwebende Trapezkünstler erinnern. Inspiriert wurde Hauer von J.M. Coetzees Elizabeth Costello, insbesondere der Passage, in der Elizabeth festhält, dass nur ein Dichter sich wirklich in Tiere einfühlen kann, wobei sie über das rein Analytische hinausgeht, um herauszufinden, was um alles in der Welt ein Affe in Anbetracht der Menschheit und ihrer seltsamen Accessoires wohl denken mag.


Veronika Hauer, It’s not visual – it’s kinetic, 2019, shown as part of My Summer is your Winter, Grazer Kunstverein, 2019. Photography by Christine Winkler.

Costello reflektiert über Wolfgang Köhler und seine analytischen Versuche, die Handlungen von Schimpansen in Gefangenschaft zu interpretieren, die ihn an eine Militärkapelle erinnerten, als sie sich völlig freiwillig an Stofffetzen anklammerten und im Kreis herum marschierten. Elisabeth hält dagegen: „Nichts in ihrem Vorleben hat die Affen daran gewöhnt, sich von außen zu sehen, wie mit den Augen eines imaginären Wesens. Die Bänder und der Trödel sind also nicht für den visuellen Eindruck da, wie Köhler erkennt, weil sie flott aussehen, sondern wegen der kinetischen Wirkung, weil man sich mit ihnen anders fühlt— Hauptsache, die Langeweile wird vertrieben. Weiter kann Köhler, trotz all seiner Sympathie und seines Einblicks, nicht gehen; hier hätte ein Dichter beginnen können, der sich in den Affen einzufühlen vermag.“*


Veronika Hauer, It’s not visual – it’s kinetic, 2019, shown as part of My Summer is your Winter, Grazer Kunstverein, 2019. Photography by Christine Winkler.

Köhler war vielleicht ein guter Mensch, schreibt Elizabeth, aber kein Dichter. Hauer interpretiert und präsentiert die Affen auf unterschiedliche Weise, verleiht ihnen durch diese repetitive kinetische Handlung der Musterproduktion (aus Linien, Sternen, Kreisen bestehende Zeichnungen) Leben. Aus diesen Mustern entstehen Bilder, die von einem Gefühl für Wiederholung und die Zeit zeugen, die es braucht, sie zu produzieren. Jedes Porträt ist mit einer Anspielung an materielle Berührung gekoppelt – einer ausgestreckten Hand, die sich an einen Stoff klammert, oder einem Fetzen, der durch Finger gleitet. Die Arbeiten verweisen auf das Potenzial von Bewegung, hängen aber reglos im Zwischenraum dessen, was man wissen, und dessen, was man sich nur vorstellen kann.

*J. M. Coetzee, Elizabeth Costello, Penguin 2003, S. 74


Veronika Hauer, It’s not visual – it’s kinetic, 2019, shown as part of My Summer is your Winter, Grazer Kunstverein, 2019. Photography by Christine Winkler.

Veronika Hauer lebt und arbeitet in Graz. Sie studierte am Goldsmiths College London, an der Wiener Universität für Angewandte Kunst und an der École supérieure d'Arts graphiques in Paris. Hauer ist Mitbegründerin und Herausgeberin des Online Magazins zu zeitgenössischer Kunst Nowiswere. Sie unterrichtet an der Wiener Universität für Angewandte Kunst (Abteilung Kunst und kommunikative Praxis). Ihre Arbeiten werden national und international ausgestellt, u.a.: ICA in London, Galerie im Taxispalais, Innsbruck, Glasgow International Festival. Weiters ist sie mit zahlreiche Ausstellungsbeteiligungen in Wien und Graz vertreten, zuletzt etwa im Forum Stadtpark und im Kunsthaus Graz.


Fiston Mwanza Mujila, Avant le grand bannissement, 2019, shown as part of My Summer is your Winter, Grazer Kunstverein, 2019. Photography by Christine Winkler.

Fiston Mwanza Mujila
avant le grand bannissement, 2019
Neu beauftragtes Gedicht, auf die Wand gedruckter Vinyl-Text
Aus dem Französischen (Original) ins Deutsche übersetzt von Lena Müller und Katharina Meyer.

vor der großen Vertreibung
die Tiere wurden zu Tieren
wie sie es heute sind
erst nach dem Fenstersturz aus dem Himmel vom Gipfel
am Anfang, und die Tiere und Bende, Urahn aller
Menschen und Dinge, wohnten anderswo
kein Tier hatte einen Schwanz
kein Tier lief auf vier Beinen
kein Tier fraß Gras oder Fleisch
alle konnten sprechen
paradoxe Wesen par excellence
halb Mensch, halb Tier, mit Unsterblichkeit belegt
denn sie waren geschaffen wie die großen Geister
eigenhändig gefertigt vom Gott der Mutter Tshiame

avant le grand bannissement
les Animaux sont devenus des Animaux
tels qu’ils apparaissent aujourd’hui
qu’après leur défenestration du Ciel du Sommet
au commencement, et les Animaux et Bende, l’Aîné de tous les Hommes et les Choses habitaient ailleurs
aucun animal ne possédait une queue
aucun animal marchait à quatre pattes
aucun animal broutait de l’herbe ou de la viande
tous usaient de la Parole
êtres paradoxales par excellence
mi-homme, mi-animal, et frappés du sceau de l’immortalité
car nés dans les mêmes conditions que les Grands Esprits
fabriqués, de ses propres mains, par Dieu de la Mère Tshiame


Fiston Mwanza Mujila, geboren 1981 in Lubumbashi, lebt in Graz und ist ein französisch-sprachiger kongolesischer Autor. 2009 erhielt er einen Preis für seinen Literaturbeitrag bei den Spielen der Frankophonie, die in jenem Jahr im Libanon abgehalten wurden. Sein Debüt-Roman Tram 83 stand 2015 auf der Longlist des Man Booker International Prize und erhielt den Etisalat Preis für Literatur sowie den Internationalen Literaturpreis des Haus der Kulturen der Welt 2017. Der Roman wurde 2018 für die Bühne adaptiert und hatte seine Uraufführung im Grazer Schauspielhaus im Rahmen des Festivals steirischer herbst. Die Gedichtsammlung Le Fleuve dans la Ventre / Der Fluß im Bauch wurde ebenfalls in einem performativen Setting aufgeführt, zuletzt etwa im Grazer Kunstverein im Rahmen der Sommersaison 2017. Mwanza Mujila lebt seit 2009 in Graz und unterrichtet Afrikanische Literatur an der Karl-Franzens Universität.


Fahim Amir, Vegans on Coke: Politics Over Morals
Verkokste Veganer*innen: Politik statt Moral

Text extracts originally published in Fahim Amir, Schwein und Zeit, Tiere, Politik, Revolte, Edition Nautilus, 2018, shown as part of My Summer is your Winter, Grazer Kunstverein, 2019. Photography by Christine Winkler.


Fahim Amir
Vegans On Coke: Politics Over Morals
Verkokste Veganer*innen: Politik statt Moral

Auszüge des Texts, publiziert von Fahim Amir, Schwein und Zeit, Tiere, Politik, Revolte, Edition Nautilus, 2018
Aus der deutschen Originalausgabe ins Englische übersetzt von Kate Howlett Jones.

Amir schreibt mit Schärfe und Überzeugungskraft. So wie Elizabeth Costello, der diese Ausstellung gewidmet ist, entgeht niemand Amirs scharfer Zunge und nüchterner Kritik am gegenwärtigen Moment: Von Veganern über Kokse bis hin zur Bourgeoisie. Seine Texte durchbrechen auf fast gewaltsame Weise den höflichen Ablauf der Ausstellung, ähnlich Elizabeths Worten, die sich nicht ignorieren ließen. Die gesamte von Fußnoten untermauerte Broschüre Verkokste Veganer*innen: Politik statt Moral liegt zur Mitnahme am Empfangsschalter bereit.


Fahim Amir, Vegans on Coke: Politics Over Morals
Verkokste Veganer*innen: Politik statt Moral

Text extracts originally published in Fahim Amir, Schwein und Zeit, Tiere, Politik, Revolte, Edition Nautilus, 2018, shown as part of My Summer is your Winter, Grazer Kunstverein, 2019. Photography by Christine Winkler.


Fahim Amir ist Philosoph und Kulturwissenschaftler und arbeitet an den Schnittstellen von NaturKulturen und Urbanismus, kolonialer Historizität und Moderne sowie zu transkultureller Handlungsfähigkeit. Er kuratierte das Live-Art-Festival 2013 mit dem Titel ZOO 3000: OCCUPY SPECIES (Kampnagel, Hamburg) und Salon Klimbim: Von vegetarischen Tigern und utopischen Unterhandlungen (Secession Wien, 2014). Amir ist Mitherausgeber von Transcultural Modernisms (Sternberg Press, 2013) und verfasste das Nachwort zur deutschen Übersetzung des Companion Species Manifesto von Donna Haraway (Das Manifest für Gefährten: Wenn Spezies sich begegnen – Hunde, Menschen und signifikante Andersartigkeit, Merve, 2016). Seine jüngste Publikation SCHWEIN UND ZEIT. TIERE, POLITIK, REVOLTE erschien vergangenen 2018. Sie wurde sowohl in Fachzeitschriften als auch in der Presse mit hymnischen Kritiken ausgezeichnet und gewann den Karl-Marx-Preis 2018.

Morten Norbye Halvorsens Projekt erhielt eine Förderung vom OCA Norwegen (Office for Contemporary Art Norway). Ein besonderer Dank gilt legero united – the shoemakers | Initiator of con-tempus.eu für die Unterstützung der künstlerischen Neuproduktionen der in Belgien lebenden Künstler Laurie Charles und Chris Evans.