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Winter im Grazer Kunstverein

Alma Heikkilä
not visible or recognizable in any form
11.–18. Dezember 2020, 10. Februar – 19. März 2021


Alma Heikkilä, found living in total darkness, 2020, Grazer Kunstverein, Fotografie von Christine Winkler

Energie (Nahrung / organische Materie) läuft durch meinen Körper, meinen Dickdarm. Erde (Nahrung / organische Materie) zieht sich durch den Körper eines Wurms. Ein kleiner feiner Haufen Scheiße nach uns. Weiche und flexible Tunnel, die unsere Körper sind. Langsam drehen sie sich umeinander, Feuchtigkeit, und wir strecken uns nach den Rhizomen oder sie nach uns.

Alma Heikkilä ist fasziniert von den kollektiven Aktivitäten der Wesen des Erdbodens; von Nematoden zu Fungi, Sporen und Myzel. Heikkiläs künstlerische Arbeit evoziert ein tiefes sensorisches Wissen um Ökosysteme und die gegenseitigen Abhängigkeiten unzähliger Organismen in wechselseitiger Co-Existenz. Heikkilä findet ihre Form in der Skulptur und großformatigen Malerei; damit möchte sie einen Raum für Menschen schaffen, in dem die Vorstellung einer unmittelbaren Begegnung oder Erfahrung mit den unsichtbaren Prozessen, die im Boden, oft auf einer mikroskopischen Ebene, ablaufen, möglich wird.

Für ihre Einzelausstellung im Grazer Kunstverein präsentiert Heikkilä neu produzierte Werke, die sich thematisch um ein doppelseitiges Gemälde in Übergröße mit dem Titel found living in total darkness drehen. Dieses Gemälde ist eine leuchtkräftige Meditation über die Prozesse, die in dem langsamen Kontinuum von Organismen des Bodens eingebettet unter der Oberfläche der Erde ablaufen. Heikkilä porträtiert in Malerei und Gips Netze und Fasern, Mikroben und das Leben von Insekten und bildet in diesem Sinn rhizomatische Strukturen der wechselseitigen Abhängigkeit und Symbiose ab. Sie interessiert sich für nicht-menschliche Wirkmächte der Veränderung, zum Beispiel für die Rolle des Bodens in der Klimakrise. Durch ihre Malerei und skulpturale Arbeit beleuchtet sie diese weitgehend nicht wahrnehmbaren biotischen Gemeinschaften, um unsere Aufmerksamkeit auf ihre dunklen und komplexen Ökologien zu lenken, nicht nur unter dem Boden des Waldes, sondern auch im Inneren unserer Körper.

Heikkilä glaubt, dass die Basis des Lebens ständig von Mikroben neu gestaltet und erschaffen wird. In Anbetracht der Tatsache, dass nur 1 Prozent der im Boden wohnenden Arten bis heute identifiziert worden sind, bietet dieses Feld fruchtbaren Boden für die Vorstellungskraft. Heikkilä ist Gründungsmitglied von Mustarinda, einer Gruppe von KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen in Finnland, die einen ökologischen Wandel der Gesellschaft fördern und anstreben. Der von ihr durch ihre künstlerische Praxis eingenommene Raum ist sowohl physisch nachvollziehbar wie auch performativ. 2018 erhielt Heikkilä die Förderung der Kiasma Commission by Kordelin, der sogenannten Kordelin-Stiftung in Finnland, deren Unterstützung sie in die Lage versetzte, in den Kauf eines 11 Hektar großen, alten Baumbestandes in der Nähe des Koli National Parks in Finnland zu investieren. Sie erwarb dieses Land mit der Absicht, eigentlich gar nichts damit zu tun, und die Bäume auf diese Weise zu schützen.

Heikkiläs Ausstellung in Graz ist der Ausgangspunkt für eine weitere Diskussion rund um den Reflexionsprozess unserer Institution, um deren Bewusstsein und Gewahrwerden der mit ihr in Zusammenhang stehenden Energieproduktion und des entsprechenden Energieverbrauchs. Als mittelgroße zeitgenössische Kunstinstitution versuchen wir unsere Rolle in der Welt, unseren physischen Einfluss auf diese sowie unseren CO2-Fußabdruck zu verstehen. Derzeit führen wir eine Energie-Überprüfung für 2019 durch, da wir das Ausmaß unseres Verbrauches herausfinden wollen, um so eine bedeutsame Veränderung von innen auf nachhaltige, großzügige und imaginative Weise in die Wege zu leiten. Dabei wollen wir aber auch unsere internationale Agenda in der Arbeit mit KünstlerInnen aus der ganzen Welt in einem Kontext bewahren können, der geografisch im Umfeld von Graz verortet ist. So möchten wir uns auf die langsameren, eher unsichtbaren Prozesse einlassen, die unsere nach außen gerichteten Aktivitäten als produktive Triebkraft für zeitgenössische Kunst untermauern.

Alma Heikkilä (geb. 1984) lebt und arbeitet in Helsinki. Sie ist Gründungsmitglied von Mustarinda, einem multidisziplinären Kollektiv, das sich in den Wäldern mit uraltem Baumbestand im Norden Finnlands befindet. Das Kollektiv organisiert Residencies an der Schnittstelle zwischen Kunst und Ökologie. Heikkilä graduierte 2009 von der Finnischen Akademie für Bildende Kunst. Sie hat ihre Arbeit in Einzelausstellungen in Kiasma, Helsinki (2019), im Casco Art Institute, Rotterdam (2018), in der Gallery Ama, Helsinki (2017, 2013), und anderswo gezeigt. Sie hat an Biennalen in Fiskars, Finnland; Timisoara, Rumänien; Gwanju, Südkorea, teilgenommen. Ihr wurde der Ducat Prize der Finnish Art Society 2014 verliehen. Ihre Arbeit ist in den Kunstsammlungen von Kiasma und in der finnischen Nationalgalerie zu sehen.

Neben Heikkiläs Ausstellung setzen sich unser Publikumsprogramm und unsere spekulative Machbarkeitsstudie – Der Grazer Kunstverein zieht um! – mit Veranstaltungen (sowohl digitalen wie physischen) in der ganzen Stadt im Rahmen des Grazer Kulturjahres 2020 fort. In diesem Rahmen werden die Erkenntnisse unserer Energiekontrolle analysiert und auf dem Weg eines Gesprächs mit dem Künstler Markus Jeschaunig als Teil des Breathe Earth Collective Klima-Kultur-Pavillons in Graz, im Sommer 2021, öffentlich gemacht.

Alma Heikkiläs Einzelausstellung not visible or recognizable in any form wird freundlicherweise vom Frame Contemporary Art Finnland unterstützt.