Wir sind darauf trainiert, langweilige Arbeit zu ertragen. Wörter aus hundert Buchstaben erscheinen wie Buchstabensuppe, wie Gesichter in einem Zerrspiegel, die sich in meinem Körper noch weiter verzerren. Alles um uns herum erscheint ziemlich klein, so als sähe man es durch ein Schlüsselloch. Wir saßen regungslos, außer die Teile unseres Körpers, die wir für die Produktion benötigten. Wir saßen auf diese Weise, um Menschen wieder zusammenzusetzen. Lichter flackerten über unsere Augen. Und gestützt durch unsere Einstellungen fälschten wir das Leben,” wird es von einer weiblichen Stimme in Sandra Lahires Terminals (1986) rhythmisch vorgetragen.

we sat rigid except for the parts of our bodies that were needed for production ist eine Ausstellung, die die Arbeiten der verstorbenen britischen Experimentalfilmemacherin Sandra Lahire und der italienischen Künstlerin und Designerin Celeste Burlina zusammenführt. Aus zwei unterschiedlichen Epochen feministischer Praxis kommend, vereinen sich ihre durchdringenden Meditationen über die Porosität des Körpers, die Arbeit und Umweltprobleme in einer gemeinsamen Erzählung.

we sat rigid… zeigt sechs Filme von Lahire, von denen fünf neu digitalisiert wurden. Ihr furioser Umgang mit dem bewegten Zelluloidbild thematisiert, wie Kapital und Patriarchat die vitalen Fähigkeiten des Körpers, der Erde und letztlich des bewegten Bildes formen und erschöpfen. Ihre ersten beiden Filme, Arrows (1984) und Edge (1986), sind fest verwurzelt in ihrem beständigen Kampf mit Magersucht und der Idealisierung des weiblichen Körpers. Gemeinsam ergeben sie eine konfrontative Darstellung der kulturellen Ursachen ihres Zustands, während die Künstlerin gleichzeitig die Kontrolle über die Produktion ihrer eigenen Darstellung übernimmt. Der Film Terminals (1986) weitet diese autobiografischen Reflexionen aus und leitet einen weiteren Werkzyklus ein—Plutonium Blonde (1987), Uranium Hex (1987) und Serpent River (1989)—, der sich mit Strahlung, dem Abbau von Uran und der damit verbundenen sozialen und ökologischen Zerstörung auseinandersetzt. Vor dem Hintergrund eines drohenden Atomkriegs und dem Zerfall von Bergarbeiter-Gemeinschaften in den 1980er Jahren im Vereinigten Königreich und darüber hinaus untersucht sie diese atomare Realität auf bruchstückhafte, sensibilisierende Weise. Ungefähr 35 Jahre später gewinnt ihr Anliegen erneut an Aktualität und rückt die dringende Notwendigkeit einer politischen Anerkennung der körperlichen Verletzbarkeit erneut in den Vordergrund. 

In Anlehnung an Lahires filmische Erkundung des Bergbaus, der industriellen Produktion und der Frauenarbeit reagiert Burlina mit carrier (2022), einer architektonischen Intervention. Mit einem Bewusstsein für die Art und Weise, in der Infrastrukturen das Versammeln von Körpern und ihrer Bewegungen sowohl ermöglichen als auch behindern kann, schneidet Burlinas Unterfangen durch die drei Galerien des Kunstvereins. Was als trügerischer Vorschlag beginnt, der an eine minimalistische Skulptur erinnert, verwandelt und entwickelt sich kontinuierlich in Funktion und Bedeutung. Zwischen Funktion und Ornament oszillierend, dient carrier gleichzeitig als Trägerstruktur für Lahires Filmarbeiten und hinterfragt und perforiert den Körper des Kunstvereins als solchen. Indem sie die Funktion und Zweckmäßigkeit von rohen, technischen Materialien—H-Träger, Ketten, Stangen, Bohreinsätze und Methylmethacrylat Platten—neu verdrahtet, konterkariert Burlina, die als Bauingenieurin ausgebildet ist, ihre langjährige Beziehung zu jenen Werkstoffen, die oft mit brachialen, unterwerfenden Kräften assoziiert werden. Auch in Lahires Filmen tauchen diese Elemente wiederholt auf. Indem sie Räume und Wände durchdringen, vollführt Burlina einen dialogischen Akt und versucht, die Starrheit dieser Materialien aufzulösen, während sie gleichzeitig auf ihrem Potenzial für eine kraftvolle Transformation besteht.

Heraufbeschworen wird ein sinnlicher Dialog jenseits der Grenzen der linearen Zeit—ein Resonanzraum, der von zwei leidenschaftlich einander zugeneigten Stimmen getragen wird.

Anlässlich der Ausstellung veröffentlicht der Grazer Kunstverein we sat rigid…, die erste einer Reihe von kleinen Ausgaben mit Korrespondenzen und Gesprächen. Sie enthält Beiträge von Celeste Burlina, Tom Engels, Laura Guy, Calla Henkel, Charlotte Procter, Kerstin Schroedinger und Miriam Stoney.

Die Ausstellung wird mit Unterstützung von LUX, London, entwickelt.

Sandra Lahire (1950-2001, Vereinigtes Königreich) war eine feministische Experimentalfilmerin. Ihr künstlerisches Vermächtnis umfasst zehn experimentelle 16-mm-Filme, in denen sie die Verletzlichkeit des Körpers erforschte. Lahires Werk untersucht die Darstellung des (weiblichen) Körpers und wie dieser die Spuren des soziopolitischen und ökologischen Zusammenbruchs trägt. Lahire war in den 1980er und 1990er Jahren ein zentrales Mitglied der Londoner Experimentalfilm-Community und engagierte sich in der London Film-Makers‘ Co-op und den in London ansässigen feministischen Film- und Videovertrieben Circles und Cinenova. Ihr Essay „Lesbians in Media Education“ wurde 1987 in Visibly Female veröffentlicht. Im Jahr 1993 komponierte sie die Musik für Just About Now der britischen Künstlerin und Filmemacherin Lis Rhodes. Lahire studierte Philosophie an der Universität von Newcastle upon Tyne, Fine Art Film an der St Martins School of Art und Film & Environmental Media am Royal College of Art. Sie verstarb nach langem Kampf an Magersucht.

Celeste Burlina (geb. 1988, Italien; lebt in Berlin) arbeitet als Künstlerin, Designerin und Autorin. Ihre Ausstellungsdesigns und Szenografien artikulieren die Beziehung zwischen Menschen und Infrastruktur und konzentrieren sich auf die Dramaturgie von Aufmerksamkeit und Anwesenheit. Sie entwickelte maßgeschneiderte Installationen und räumliche Interventionen für „trust & confusion“ bei Tai Kwun Contemporary, Hongkong (2021), „30 Years of KW: Anniversary Weekend“ (2021) in den KW Institute for Contemporary Art, Berlin (2021), Creamcake’s 3hd Festival „Power Play“ im Park Center Treptow, Berlin (2021), und „im garten der blicke“ im Kunsthaus NRW Kornelimünster, Aachen (2020). Zuvor arbeitete Burlina für das Design- und Architekturstudio Sub, mit dem sie Projekte für Ausstellungen von Anne Imhof im Castello di Rivoli (Turin), der Tate Modern (London) und dem Palais de Tokyo (Paris) sowie für den Schinkel Pavillon (Berlin) und Balenciaga realisierte. Burlina ist Doktorin der Ingenieurwissenschaften.

view
Exhibition view of Celeste Burlina, carrier, 2022, as part of we sat rigid except for the parts of our bodies that were needed for production, 2022, Grazer Kunstverein. Photo: kunst-documentation.com
view
Exhibition view of Celeste Burlina, carrier, 2022, as part of we sat rigid except for the parts of our bodies that were needed for production, 2022, Grazer Kunstverein. Photo: kunst-documentation.com
view
Exhibition view of Sandra Lahire, Terminals, 1986, Plutonium Blonde, 1987, and Celeste Burlina, carrier, 2022, as part of we sat rigid except for the parts of our bodies that were needed for production, 2022, Grazer Kunstverein. Photo: kunst-documentation.com
view
Exhibition view of Sandra Lahire, Terminals, 1986, and Celeste Burlina, carrier, 2022, as part of we sat rigid except for the parts of our bodies that were needed for production, 2022, Grazer Kunstverein. Photo: kunst-documentation.com
view
Exhibition view of Sandra Lahire, Plutonium Blonde, 1987, Uranium Hex, 1987, and Celeste Burlina, carrier, 2022, as part of we sat rigid except for the parts of our bodies that were needed for production, 2022, Grazer Kunstverein. Photo: kunst-documentation.com
view
Exhibition view of Sandra Lahire, Arrows, 1984, and Celeste Burlina, carrier, 2022, as part of we sat rigid except for the parts of our bodies that were needed for production, 2022, Grazer Kunstverein. Photo: kunst-documentation.com
view
Exhibition view of Sandra Lahire, Serpent River, 1989, Arrows, 1984, and Celeste Burlina, carrier, 2022, as part of we sat rigid except for the parts of our bodies that were needed for production, 2022, Grazer Kunstverein. Photo: kunst-documentation.com
view
Exhibition view of Celeste Burlina, carrier, 2022, as part of we sat rigid except for the parts of our bodies that were needed for production, 2022, Grazer Kunstverein. Photo: kunst-documentation.com
view
Exhibition view of Sandra Lahire, Serpent River, 1989, and Celeste Burlina, carrier, 2022, as part of we sat rigid except for the parts of our bodies that were needed for production, 2022, Grazer Kunstverein. Photo: kunst-documentation.com
view
Exhibition view of Sandra Lahire, Arrows, 1984, and Celeste Burlina, carrier, 2022, as part of we sat rigid except for the parts of our bodies that were needed for production, 2022, Grazer Kunstverein. Photo: kunst-documentation.com